Es lebte sich gut in unserem Dorf
Erinnerungen an das Grenzdorf Gnewin, Kreis Lauenburg
Ernst Krutz
Wir wollen vom Nadoller See aus gemächlich nach Gnewin wandern. Hier war die Grenze zwischen Polen und Deutschland. Diese Staatsgrenze entstand nach dem 1. verlorenen Krieg. Sie hat viel Kummer und Elend mit sich gebracht. Auch damals wurden Familien getrennt, aber sie hatten doch die Möglichkeit, ihren Wohnsitz selbst zu bestimmen. Viele, die mit ihrer Scholle verbunden waren, konnten in Polen bleiben. Wer konnte damals ahnen, dass schon nach 25 Jahren allen ein viel größeres Elend beschieden sein würde. Vorbei an der Rauschendorfer Wassermühle steigen wir bergan, um an einem sagenumwobenen Stein haltzumachen. Dieser große Felsblock wurde als Zwergenstein bezeichnet. Am Fuße des Steines war tatsächlich eine größere Einbuchtung vorhanden; man sagte, dies war einstmals der Eingang für die Zwerglein, die als hilfreiche Männlein bekannt waren. Gehen wir nun weiter bergan, so gelangen wir zur „Kolkauer Aussicht". Von hier oben hatte man einen wunderbaren Blick in das Tal, inmitten der Nadoller See, umrandet von dunklen Kiefernwäldern. Weit konnte man von hier auch in das polnische Land schauen. Immer wieder zog es Naturfreunde nach hier. Auch für Verliebte war vorgesorgt; eine Bank lud sie ein zum Rasten.
Nun wandern wir weiter durch den Wald und gelangen in die Ortschaft Kolkau. Kolkau war ein reines Gutsdorf, eine Domäne. Sobald wir den Ort durchschritten haben, sehen wir in westlicher Richtung schon die Gnewiner Kirchturmspitze. Zu unseren Füßen zieht sich der Schienenstrang unserer Kleinbahn aus nordwestlicher Richtung nach Südosten. Es war ein friedliches Bild, wenn man nach Feierabend diesen Weg beschritt. Im Westen neigte sich die Sonne, und weit konnte man die Glocken unseres Gotteshauses zum Feierabend läuten hören. Unsere Kirche wurde 1885 bis 1890 erbaut und soll im Jahre 1890 eingeweiht worden sein. Die Pfarrer Trapp, Ehmann, Kroll und Scheel haben hier Gottes Wort verkündet. Pfarrer Scheel war noch bis zur Vertreibung die letzte Stütze seiner Gemeinde. Für unsere Gemeinde war das Wahrzeichen unsere Kirche. Um diese Kirche scharten sich die Dörfer und Gemeinden: Groß und Klein Perlin, Bychow,
Burgsdorf, Fredrichsrode, Rauschendorf, Oppalin, Kolkau, Enzow, fldden, Mersin und Gnewinke.
Früher einmal ein Markt flecken
Vor dem 1. Weltkrieg war Gnewin ein Marktflecken. Im Laufe des Jahres wurden hier verschiedene Märkte abgehalten. Zu der Zeit waren die Verkehrsverhältnisse sehr schlecht. Es gab keine Eisenbahn, noch waren feste Straßen vorhanden. So kamen die Händler selbst mit Gespanne von Danzig, Neustadt, Lauenburg und Umgebung, um hier ihre Waren zu verkaufen. Die Geschäfte florierten, denn wer von den Leuten hatte damals Zeit, in eine der Nachbarstädte zum Einkauf zu fahren?
Erst als die Kleinbahn gebaut wurde und Gnewin auch einen Bahnhof, Kolkau-Gnewin, bekam, machten sich die Leute auf den Weg, um so in die Stadt zu gelangen. Für die Kirchspielgemeinde Gnewin war die nächst Stadt Neustadt. Nur in amtlicher Sache musste man nach Lauenburg, da sich hier das Landratsamt befand. Nach dem 1. Weltkrieg war die Stadt Neustadt für die Kirchspielgemeinde Gnewin verloren. Auch die Märkte fanden nicht mehr statt. Durch weiteren Straßenbau und Motorisierung wurden die Verbindungen nun auch zur Kreisstadt besser. Durch die Parzellierung des Stenzelschen Gutes entstanden mehrere Bauernhöfe und andere Betriebe. Neben dem Gutsbesitz Egon von Pirchs, welcher durch Landsmann Meffke lange Jahre verwaltet wurde, lebten die Bauern in Eintracht und Frieden. Sie lieferten zur Gutsmolkerei ihre Milch zur weiteren Verarbeitung. Als einzige „Fabrik" könnte man die Kartoffelbrennerei bezeichnen. Erst später wurde dieser eine Flockenfabrik angeschlossen.
Fast alle Einwohner konnten ihre Hauptnahrung aus eigener Produktion erwerben. Auch die Gutsarbeiter verfügten über Kühe, Schweine, Gänse, Hühner, Enten usw. Sobald die Getreideernte begonnen hatte und die ersten Felder abgeerntet waren, übernahmen die großen weißen Gänse- scharen die Ährennachlese.
Keine Weihnacht ohne Gans
Es war keine Weihnacht, wenn nicht eine knusprig gebratene Gans auf dem Festtisch stand. Zum Abendessen gab es dann Flum und Spickbrust. Die Spickbrust war besonders delikat. Nicht zu vergessen ist das Gänseweißsauer. Damals war kein Fleischer im Dorf. Die Fleischversorgung wurde durch die Hausschlachtungen gedeckt. Fast in jeder Gemeinde war ein „Schwarzschlächter" vorhanden. Obwohl er den Beruf als Fleischer nicht gelernt hatte, übte er die Hausschlachtungen aus. Bei uns war es der Stellmachermeister Ernst Schulz. Man zahlte eine kleine Gebühr, und etwas bekam er dann auch von der Schlachtung mit. Meist kurz vor der Kartoffelernte begannen die Hauschlachtungen. Weil zur Kartoffelernte viele Leute gebraucht wurden, musste auch ein kräftiges Essen bereit stehen. Bauern und Tagelöhner waren sich untereinander behilflich, und so wollte es sich doch keiner nachsagen lassen, „dat bi denen dat Freten nisdt daugt hed."
Eines Tages wollte auch der Gutsschweizer eine Hausschlachtung vornehmen. Aber er sagte sich: „Wat de andere kenne, dat kann ek uk". So bereitete er die Schlachtung mit einem seiner Gehilfen vor. Als das Tier betäubt war, wurde die Stelle zum Einstich fein gesäubert, da ja das Blut für die Blutwurst abgefangen werden sollte. Nun, es kam wohl Blut, aber recht dünn und sehr wenig. Die Hausfrau, welche die Schüssel hielt, sagt: „Mensches Kind, mien Kerl, dit Schwien hed jo gor kein Blaut, dat lohnt sich jo nich." Da grinste der Gehilfe dazu und meinte: „Eck glov, dat uns Meister to dol hed ob das Schwien schlog'n, un nu is dat ganze Blaut mal drenn bleven."
Sie gaben sich damit zufrieden, legten das Schwein in den bereitgestellten Brühtrog und gingen in die Küche, um das Brühwasser zu holen. Während sie mit den gefüllten Eimern sich dem Trog näherten, mussten sie feststellen, daß ihr Opfer auf und davon war.,, Jo, min Gott", schrie die Frau auf, „is denn dat to gloven, dat Schwien levt jo noch." Mit kräftigen Schweizer- händen wurde das Tier eingefangen und nochmals geschlachtet, was dann auch gelang. Als sich später der Fleischer Emil Teschke niederließ, kamen solche Pannen nicht mehr vor.
Anfang der 30er Jahre wurde endlich die Straße von Mersin bis Rauschen- dorf gebaut. Nun lebte auch die Gemeinde weiter auf! Es konntest verschiedene Verkehrsmöglichkeiten genutzt werden. Auch die Post brachte mit Kraftfahrzeug ihre Fracht zur Poststelle und konnte auch 3 bis 4 Personen jeweils befördern. Obwohl noch eine weitere Verbindung von Mersin nach Lauenburg durch das Omnibusunternehmen von Althammer bestand, ließ sich ein Droschkenbetrieb in Gnewin nieder. Fast täglich konnte man nun direkt von der Haustüre zur Kreisstadt gelangen. Verschiedene Privatleute schafften sich Motorräder oder Autos an, um besser und schneller beweglich zu sein.
Der vielseitige Stellmacher
Als die Parzellierung des Gutes Egon von Pirchs bevorstand, entschlossen sich viele Tagelöhner, Bauern zu werden. Auch aus der weiteren Umgebung kamen Bauern, um hier ansässig zu werden. Nach der Parzellierung bildeten die Dörfer Gnewin, Gnewinke und Fredrichsrode eine Gemeinde. Verschiedene private Handwerksbetriebe, Stellmacher, Schmied, Schmeider, Schuster, Bäcker und Elektriker sowie auch die schon erwähnte F1eicherei entwickelten sich sehr gut. Fast jeder Handwerksmeister hatte einen Neben- beruf. Am vielseitigsten war der Stellmachermeister Ernst Schulz. Nicht allein, dass die Hausschlachtungen zu seinem Nebenberuf gehörten, auch als Friseur war er tätig. Allerdings nur für Herren! Arbeiter, Zollbeamte, Polizei und Lehrer zählten zu seinen Kunden. Nun glauben Sie wohl, dass hierzu ein besonderer Raum zur Verfügung stand! Weit gefehlt! Wenn man die Werkstatt betrat und seinen Wunsch geäußert hatte, legte der Meister seinen Hobel hin, putzte den Hackstock ab, wo man dann Platz nehmen musste. Schnid' schnack - und die Haare waren ab. Während sich der Schuhmacher außerdem liebevoll mit seinen Bienen beschäftigte, hatte der Schneidermeister Spaß an der Ziegenzucht. Mag man es glauben - oder auch nicht! Eines Tages stellte er fest, dass einer seiner Ziegen das Heu nicht schmecken wollte. Vielleicht ist es ihr nicht grün genug, meinte der Meister. Aber er wusste Rat! Mit List und Tücke setzte er der Ziege eine grüne Brille auf - und siehe da:
das Tierchen fraß nicht nur Heu, sondern fand nun auch am Stroh Geschmack!
Das Feldbackofenbrot ist das beste!
Natürlich gab es früher auch keinen Bäcker. Die Brote wurden in den so genannten Feldbacköfen gebacken. Trotz aller Modernisierung: das Brot aus dem Feldbackofen ist bis heute noch nicht übertroffen. So nach und nach verschwanden die Feldbacköfen, und man kaufte mehr beim Bäcker. Als eines Tages bei unserem Bäcker das Mehl ausgegangen war, begab er sich zur Poststelle, um bei der Mühle Mehl nachzubestellen. Das Telefon war noch ein älteres Modell und an der Wand befestigt. Die Sprechmuschel konnte man zwar von oben nach unten bewegen, aber es reichte doch nicht immer. Wie nun die Verbindung hergestellt war und der Meister den Hörer abgenommen hatte, meldete sich die Mühle. „Ja", rief er, „hier ist der Bäckermeister!" Dies wiederholte er einige Male, nachdem er durch Hoch- hüpfen versucht hatte, besser in die Sprechmuschel sprechen zu können. Sobald er aber wieder unten war, kamen seine Worte nur in Bruchstücken an. Verärgert rief er noch einmal: „Zum Donnerwetter, hier ist doch der Bäckermeister", hing ein und verließ unter Schimpfen die Poststelle. Ob und wie er sein Mehl erhalten hat, ist nicht bekannt.
Schmied und Zahnzieher
Wenn eines der Pferde hinkte, ging man zum Schmied. Wenn man die Haare geschnitten haben wollte, ging man zum Steilmachermeister, aber wo ging man hin, wenn man Zahnschmerzen hatte? Sie glauben es nicht, zum Schmied! Unser Gutsschmied konnte allerdings nicht die Zähne plombieren, aber ziehen. Ich habe als Kind auch einen Zahn bei ihm gelassen. - Auch das Vereins- leben wurde sehr gepflegt. Sportverein, Kriegerverein, Feuerwehr sowie Zollverein hielten jährlich ihre Veranstaltungen ab. Der Kriegerverein hatte einen sehr schönen Vereinsplatz in den Gnewiner Bergen. Man kann natürlich nicht von großen Bergen sprechen, doch war es ein hügeliges Gelände, welches im Volksmund den Namen bekam: die Berge.
Die Feuerwehr wusste nicht nur Feste zu feiern, sie hat auch in der Tat bewiesen, wie man den roten Hahn zu bekämpfen weiß. Sie war motorisiert. Als eines Tages die Scheune der verw. Drafs dem Feuer zum Opfer fiel, erschien einige Tage später der Knecht Karl Katscher bei meinem Vater, um wegen der Versicherung vorzusprechen. Mein Vater, der gerade die Nachrichten im Rundfunk hörte, hieß Karl Platz zu nehmen. Nach einer Weile sagte Karl: „Du, Gustav, frog doch mol, wat son Hackselmaschin kost." Nun, diese Frage schien doch gar nicht so unberechtigt, Karl kannte wohl ein Telefon - aber mit einem Radio hatte er noch nichts zu tun gehabt. Damit auch für die Zukunft die Bauern in Ruhe schlafen konnten, wurde ein amtlicher Nachtwächter eingestellt. Stündlich konnte man dann ab 10 Uhr abends sein Pfeifchen hören. Wer keine Uhr hatte und zu lange bei seiner Liebsten verweilt hatte, konnte sich an die Zeit des Nachtwächters halten.
Die schöne Torfzeit
Was mich besonders noch an eine alte Gnewiner Tradition erinnert, war arbeit. Sobald die Frühjahrsbestellung erledigt war, ging es mit der Arbeit im Torfmoor an. Schon früh am Tage konnte man die Fuhrwerke mit viel Volk sehen, wenn die Fahrt zum Damerkower Torfmoor ging. Einen Tag zuvor wurde abgeräumt, die Schubkarren hingeschafft und die Rohbretter ausgelegt. Die Torfarbeit dauerte meist so drei bis vier Tage. Es war dann ausreichend für den kommenden Winter vorgesorgt. Waren doch am Ende einige tausend Stück auf Ringel gesetzt, um später von den Keepen eingefahren zu werden. Der letzte Arbeitstag im Torfmoor glich einem kleinen Festtag. Die Fahrzeuge waren dann mit Birkengrün geschmückt, und so ging die Fahrt heimwärts. Ein gutes Essen und ein guter Trunk warteten schon. Nach dem Festmahl wurde dann meist Ziehharmonika und Fiedel rausgeholt und noch ein Tänzchen gedreht. Die jüngere Schar vergnügte sich so bis in die späte Nacht.
So gibt es auch vom Torf so einige Gechischten zu erzählen. Einmal war es nun soweit. Der Bauer wollte seine heiratsfähige Tochter an den Mann bringen. Und da prahlte er auch nicht schlecht. So sagte er eines Tages zu seinem Nachbarn, der einen heiratsfähigen Sohn hatte: Wenn min Minna frije deit, do bekemmt dei tiendausend!" „0, Donnerhichting", sagt der Nachbar und kratzt sich hinter den Ohren, „Wat segst du do, tiendusend? 1k glev mehr, dat du man tiendusend Torf mienst!"
GNEWINER BILDER
NSV KINDERGARTEN UND NS SCHWESTERSTATION
DIE WASSERMÜHLE
GASTHAUS GUSTAV KRANZUSCH UND TANKSTELLE
LUFTAUFNAHME
L
LANDWIRTSCHAFTLICHE BRENNEREI UND KARTOFFELFLOCKENFABRIK
DIE KIRCHE
PREZBITERIUM
KRIEGERDENKMAL
GUTSMARKE
BAUERNHÖFE IM GNEWIN 1939
GUSTAV ALBRECHT
WALTER BYCHOWSKY
KARL DUPKE
OTTO FUHWERK
ERWIN GREINKE
WILLZ MALICK
ALBERT PAHNKE
ARTUR ROHDE
BRUNO SALIUS
FRIEDRICH WOLSKY
HERMANN SIELAFF
FRIEDRICH WOLSKY