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Kleines Klein Massow - großer Mittelpunkt

Ein kleines Bauerndorf am Straßenkreuz Stolp - Althammer - Lauenburg - Uhlingen.

Die Straßen waren mit Schotter befestigt. Sie staubten im Sommer, und Schlaglöcher bildeten sich schnell im Herbst und nach Regenfällen. Diese Schäden mussten die »Chausseekratzer« ausbessern, bei uns war es Karl Kamin. Seine Helfer, die »Steineklopper«, hatten während der harten Wintermonate für Vorrat gesorgt. Bei eisigen Temperaturen »kloppten« sie die Feldsteine, die von den umliegenden Feldern angeliefert wurden, am Straßenrand in kleine Stücke. Diese wurden kunstvoll aufgeschichtet, um später verbaut zu werden. An der Straße von Zdrewen nach Roschütz standen links und rechts Kirschbäume aller Art. Diese Bäume wurden im Frühjahr vom »Chausseekratzer« angeboten und für 2,- bis 4,- RM an Interessenten für ein Jahr zum Abernten verkauft. Es war schon ein Glück, wenn man die Früchte bekam, die man wollte. Die Qualitäten waren ja allgemein bekannt - trotzdem hat es meistens geklappt. Auf diesen Straßen mussten die jungen Leute, wenn sie am Wochenende oder an Feiertagen zum Tanz wollten, oft 6-8 km marschieren. Was kürzt den Weg mehr ab als ein schönes Lied? Das Ziel war »Gasthof und Restaurant Wilhelm Klibbe«, Klein Massow. Da wir in der Nähe wohnten, haben wir schon am Gesang erkannt, aus welchem Gutsdorf man sich dem Ziel näherte. Um Klein Masow lagen die Rittergüter Stresow, Zdrewen-Koppenow, Freist, Klein- und Groß-Comsow und Roschütz-Nesnachow. Ich sage, die Roschützer sangen die schönsten Lieder! Waren an Sommerabenden die Straßen ruhig und das Wetter klar, hörte man das Rauschen der Ostseewellen und sah das Leuchtfeuer vom Leuchtturm Stilo - Erinnerungen, die mir bis 1950 die Kraft und den Willen gaben, aus Gefangenschaft nach Hause zu kommen. Leider - nicht in mein Dorf. Ich möchte noch einmal auf den Mittelpunkt Klein Massow und die Gastwirtschaft Klibbe zurückkommen. Der Chef, wie ihn alle nannten, stammte aus Leba. Er hatte bei der Kaiserlichen Marine einige Fahrten gemacht und trank gerne einen »Mampe Stargard«-Magenbitter. Wenn es dann ein bisschen viel wurde, kam Seemannsgarn. Danach bewies er seine Englischkenntnisse aus der Fahrenszeit, indem er seine Mitzecher mit dem Ruf »all people on board« zur nächsten Runde lockte - ein Mann mit Initiative und Weitblick. Er baute z. B. eine Selters- und Sprudelfabrik 1928/29, um die Erzeugnisse bei den Gastwirten zu verkaufen. Leider schmeckte ihm auch beim Besuch der Kunden der Mampe zu gut, und er musste bald seine Fabrik verkaufen. Die Firma Golk, Lauenburg, Neuendorfer Straße, war Nachfolger und ist uns allen bekannt. Um 1928 wurde die erste ESSO-Standard-Tankstelle vor dem Hause installiert, und es waren im weiten Umkreis die einzigen Zapfsäulen. Ich erinnere mich noch, dass die »Chauffeure« Lietzow von Käseberg, Roschütz, Neubieser von Zimdars-Zdrewen, von Somnitz, Freest, und andere ihre »Staatskarossen« mit Außenschaltung dort tankten. In der später umgebauten Sprudel-Fabrik wohnte unsere Familie, und wir hatten dadurch im Dorf als einzige fließendes Wasser im Haus. So, das war der wirkliche Mittelpunkt unserer schönen, näheren Umgebung. Darum besuchten uns auch im Frühjahr und Sommer die Karussells: Kettenflieger (Besitzer Knossalla) und Pferdebahn mit Kutschen und Schlitten (Besitzer Sonnemann). Wir Jungen schoben fünf Fahrten und durften einmal gratis fahren. Auch ein kleiner Zirkus kam in Klibbes Garten. Leider war die Zeit 1929- 1935 so schlecht, dass fast keiner die Pfennige hatte, ihn zu besuchen. Im Winter feierte man das Kriegervereinsfest im Saal. Das Sommerfest wurde in unseren »großen Buchen« mit dem Königsschießen, Tanz, Kinderbelustigung usw. gestaltet. War dort alles erledigt, ging es mit Musik ins Dorf zurück. Kapelle Holtz, Dein oder andere spielten zum Parademarsch. Vorsitzender Lehrer Nisolk in Kaiserlicher Leutnantsuniform und sein Vertreter in Hauptmannsuniform nahmen den Vorbeimarsch ab. Angeführt wurde die Kompanie vom Vizefeldwebel Max Treskatsch, der auch am besten den Stechschritt beherrschte. Danach wurde dann im Saal weitergefeiert. Polizeistunde für uns Kinder gab es nicht. Die Musik wechselte dort von den Blasmusikanten auf zartere Saiten: »0 Donna Clara<, »Waldeslust«, »Es wird in hundert Jahren wieder so ein Frühling sein«! Soweit unser liebes altes Dorf.
Was gab es aber noch bei uns?
Wir hatten unseren »Bahnhof Freest«. Hier wurden Kartoffeln, Vieh, Getreide, Spiritus und vieles andere verladen. Für Personenverkehr war ein verhältnismäßig großes Hinterland da. Auch der Tierarzt hatte dort seine Praxis.
Der Polizeiposten mit schönem Domizil machte von dort seine Einsätze per Fahrrad bei Tag und Nacht.
Im alten Schloss Klein Massow wohnte der Landarzt, daneben war unsere »Hauptpost«!
Dann - wie gesagt - Restaurant mit zwei Fremdenzimmern, Tankstelle, Ausspannung für Pferde und Kolonialwarenhandlung.
Steilmachermeister Petsch, Schmiedemeister Hailmann, Elektro- meister Zur, Lebensmittel und Kurzwaren Taube, zwei Schneiderbetriebe und Schuhmachermeister Klopp waren tüchtige Handwerker.
Ein Segen für unsere Gemeinde war in der schweren Zeit eine sehr tüchtige Schwester des Johanniter-Ordens - Auguste - mit großen medizinischen Kenntnissen, die auch den Kindergottesdienst gestaltete. Ich freue mich beim Schreiben dieser Zeilen noch für sie, daß er gerne besucht wurde. Die Arbeitsstätte war im Hause der Bauernfamilie Choitz, der auch »Appelchoitz« genannt wurde, weil er viele Apfelbäume auf seinem gesunden Hof hatte - trotzdem war er uns Jungen böse, wenn wir ihm »zur Probe« einige »Äppel« stibitzen wollten.
Dann zum Schluss ein Gedenken an unsere schöne Schule. Sie war dreikllassig, und es herrschte ein derber Ton. Leider gibt es sie nicht mehr, was mich bei meinem Besuch zu Hause sehr traurig stimmte. Im Laufe der Jahre stellte ich fest, dass wir ehemaligen Schüler doch den schweren Gang in die folgende Zeit recht gut überstanden. Nun, wir waren nicht verwöhnt.
Wenn ich mich erinnere, kamen 6-l4jährige Schüler aus Comsow oder der Schäferei Koppenow ca. 5 km in abgelatschten »Holzkorken« trotz des kalten Winters 1929 um 30 Grad minus morgens um 8.00 Uhr in die Klasse. Frühstück: 1 Stück Brot, manchmal auch ein Stück Wrucke. Gelacht haben wir trotzdem. Wir waren alle sehr arm geworden in der jetzt gelobten Weimarer Republik!
Nun habe ich eines noch vergessen, den Sport.
Unser Verein »Schwarz-Weiß-Preußen Klein Massow« ging 1931 unter. Die Jungen hatten kein Geld mehr für Bälle, Kleidung etc., und keine Helfer und kein Lehrer fanden sich bereit, den Verein zu erhalten. Barren, Reck, Schleuderbälle, Keulen und Kegel verkamen in der Schule. Schade, aber so war es wirklich. Wenn ich heute zurückdenke, finde ich, dass trotz vieler schwerer Erlebnisse die schönen Stunden überwiegen und die Sehnsucht nach Hause nicht stirbt - nach Klein Massow und Umgebung.

Von Gerhard Schattschneider

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