ERINNERUNGEN AN LAUENBURG POMMERN
Zum 1.Treffen am 6. 8. 49 n Hamburg-Wellingsbüttel
Eine Wanderung durch die Stadt
Von Kurt Graff
Am heutigen Tage reichen sich die Hand
Bekannte und Verwandte vom Ostseestrand
Und tauschen aus Erinnerungen von früheren Tagen.
Vorbei die Sorgen und das Klagen,
Denn das „Wiedersehen" lässt alles entflieh'n,
Wiedersehensfreude ist die beste Medizin!
Gedenken wollen wir auch n dieser Stunde
Der Namen, die wir führen so oft im Munde
Und die in der Heimat geblieben sind.
Wir aber wollen geschwind
Eine Reise nach LAUENBURG machen,
Ohne Gepäck und anderer Sachen,
Durch die Straßen wie früher wandern,
Aufsuchen den Ein sowie den Ander'n,
Leider nur in Gedanken zur Zeit
Seid Ihr hierzu startbereit?
Der Zug macht auf dem Bahnhof halt.
Eine Stimme uns entgegenschallt:
„Lauenburg - Lauenburg 1"
Man geht treppabwärts den Tunnel durch,
Treppauf, und hört den Beamten sprechen:
(Um alle Zweifel des Reisenden zu brechen)
„Umsteigen in Richtung: Danzig, Leba, Bütow,
Karthaus, Stolp" - an der Sperre steht stets froh
Meistens Otto KUSCH, der die Fahrkarte nimmt
Und kontrolliert, b diese auch stimmt.
Im Vorraum, der vor uns sich tut auf
Befinden sich Gepäckabfertigung, Fahrkartenverkauf,
Zeitungsstand mit Lektüre für jedermann
Geführt von Fräulein ZIEHM und dann
Zwei Wartesäle gegen Hunger und Dorst
Inhaber dieser war Conrad HOLLHORST
Hast Du den Vorraum nun verlassen,
(Uns zu besichtigen Straßen und Gassen)
Trittst Du aus dem Bahnhof heraus.
Vor Dir liegt Bahnhofplatz und das Haus
Von Ernst WEISS, die Gasanstalt.
Vom Güterbahnhof widerhallt
Der Schall vom Entladen und Rangieren.
Wir können aber keine Zeit verlieren,
Lassen unsere Blicke schweifen,
Um August- und Feldstraße zu ergreifen.
Jetzt geht's die Bahnhofstraß' entlang.
Links am Teich steht eine Bank,
Dem Schwanenpärchen zuzuschau n.
Bei Kohlenhandlung GOHR wird Holz gehau'n.
Biegt man zur Kaiser-Heinrich-Straße ein
Sieht man das Lyzeum, stolz und fein,
Welches verkehrt ist aufgebaut,
(Die Hinterfront nach vorne schaut)
Gegenüber die Tischlerei von Eugen KOCH,
Dann kommt die Bäckerei von PALLAS noch,
An der Ecke die GERMANIA-DROGERIE.
Beim Armbruch oder Verletzung am Knie
Wurd' man im JOHANN1TER-Krankenhaus aufgenommen.
Dann noch die Geschäfte kommen
Von Oswald SCHMIDTKE und Oskar KABUSS.
Einen herzlichen Willkommensgruß
Sendet uns der Bismarckturm,
Welcher bei Sonnenschein und auch Sturm
Die Bewachung des Lebatales über sich hat.
Wer müde ist und ziemlich matt
Ruht sich aus auf einer Bank,
Aufgestellt am Gemeindehaus entlang.
Wir aber stark und auch noch rege
Kommen an die Scheidewege
Der Moltke-, Stolper Straße, Stolper Chaussee,
An der Ecke Kurt SCHMIDT'S Cafe,
Evangelischer und katholischer Friedhof, Armenhaus.
Nun wandern wir geradeaus,
Geh'n über die Kuhbach- und Lebabrücke.
Schuh', Toilett- und Kleidungsstücke
Sind in Schaufenstern ausgestellt.
FERLEY'S Dackel die Passanten anbellt;
HEINRITZ, KOWALLIK, WACHS und BIRR,
.WOJEWSKI lieferte Seife, LASSE Geschirr,
PROCHNOW, RYBINSKI, SCHARDIN, OST
PHOTO-RHE.INLAND, KRAMER - Post
sowie Ansichtskarten, Briefpapier,
Lieferte Kurt ZELLMANN Dir,
Frisch gebrannten Kaffee zu jeder Zeit,
Hielt Max MELCHER stets bereit.
Am Luisenplatz war außerdem
Möbelgeschäft Erich KOCH - und sehr bequem
Kaufte man bei LOLAT und ROSENBAUM.
Das Bild auf dem Marktplatz änderte sich kaum,
Geschäfte an Geschäfte reihen sich an,
SCHERFF, SCHNEIDER, LAUBRINUS, SCHMIDT und dann
ZEECK, HEINZE, FERLEY, LUCAS, TACK,
MUCH, LENZ, LEHMANN, TOMINSKI - Back´-Waren
sowie verschiedene Sorten Kuchen
Konnte man sich bei BROCK und FELZ aussuchen.
LEMME, MÜLLER, DALCHAU, TAUBE,
ROGALSKI, REMMERT - und ich glaube,
Dass mit FEHSER, HETEBRUEG, BRANDT
Der Markt dann seinen Abschluss fand.
Vom Stadtzentrum sechs Straßen laufen,
In denen man konnte auch einkaufen.
Für Fahrräder, Schreibmaschinen, Grammophon
Sorgte MARKWALD-Paradestraße schon.
Fast nach Längen- und Breitenmaß
Verlief die Koppel- und Schützenstraß'.
in ersterer RIEDEL, BEHNKE, TOETZKE waren bekannt,
Aus letzterer seien ORTMANN, SCHRAMM, Capitol
genannt.
Beide Straßen in die Bismarckstraße münden;
Hier fand man „Cafe UNTER DEN LINDEN"
In der Schulstraß' bei Fritz KLICK
Erhielt man Südfrüchte, welch ein Glück!
Tabakwaren für alle Feste
Lieferte Walter GRAFF - „Meiner ist der Beste".
Zu dieser Straß', o meine Seel',
Lief die Marktstraße parallel,
Aus dieser seien schnell genannt: -
GLATT, SCHWERDTFEGER, PLOTZ, RIEBAND,'
An der Ecke Alfred KLIMITZ,. Herrenartikel;
Landprodukte, Geflügel und Karnickel
Wurden geliefert, delikat, und fein,
In der Mühlenstraße vorn HAUSFRAUENVEREIN.
Ganz allmählich und bergauf
Ging man die Danziger Straße, 'rauf,
Hier gab's Geschäfte, groß und klein,
Und sollen einige genannt auch sein:
AMTMANN, PLOTTER, NQRDMANN, KAMIN,
STRELQW, RETTKE, BELOWSKI,.- und dien'
Lektüre nach dem Abendbrot
Stellte her Buchhandlung BADENGOTH
In Form einer Zeitung für Stadt und Land,.
Die „LZ" oder auch „Käseblatt" benannt.
Wollte man sich einen Film anseh'n,
Konnte man in die SCHAUBURG geh'n.
Anschließend das Anlagenbereich
Mit dem herrlichen Schwanenteich,
Und am Ausgangspunkt der Stadt
Das Ehrendenkmalseinen Platz gefunden hat.
Um zur Hochschule.: schnell zu kommen:
Wurde die Klosterstraße dann genommen,
Das Pflaster war hier krumm und schief,
Zum Fischmarkt hin sie sich verlief.
Teils mit frohem, teils ernstem Gesicht
Kamen die Leute vom AMTSGERICHT.
An der Schloßfreiheit gelegen.
Einen reichen Wassersegen
Brachte die Schloßmühle dar,
Deren Inhaber Otto STUBBE war.
Und dann die „Freiwillige Feuerwehr"
Ubte abends manchmal schwer
Am Spritzenhaus bei Wetter. und Wind.
Wir inzwischen angekommen sind
Auf dem bekannten Schützenpkitz.
Hier traf sich manch einer mit seinem Sdiatz,
Wenn Bude?i und Karussels waren aufeste1lt,
Die Melodien erklangen „Schön ist die Welt",
In der Schießhalle der König wurd' ausgeschossen,
Hinterher anständig die Nase begossen,
Des Abends dann, wie sich's gebührt,
König nebst Ritter wurden heimgeführt
Unter Marschmusik die Straß' entlang,
Heinrich CLASSEN den Taktstock schwang.
Zwei Schupos waren Wegbereiter.
Wir schreiten aber hurtig weiter,
Kehren unserer Stadt den Rücken,
Wandern trotz Fliegen sowie Mücken
Bei untergehendem Sonnenschein
Durch Prüßenhagen zur Moorsiedlung hinein.
Auch gab es hier viel Industrie,
Es wurde gearbeitet spät und früh
In Autowerkstätten, Ziegelei,
Maschinenfabriken, und es sei
Noch erwähnt die FLACHSFABRIK,
Molkerei - und mit Geschick,
Sowie Ausdauer. fertigt man
Besen, Handfeger, Bürsten an.
Nach des Tages Müh und Plage
Fand man Abwechselung alle Tage
In Turn-, Gesang- und Sportvereine,
Und wer noch hatte flotte Beine
Beteiliegte sich am Tennissport;
Andere gingen zu dem Ort
Hin, wo man konnte sich erbauen,
Konzerte hören oder schauen
Ein Variete auch Bühnenstück an,
Viele gingen dann und wann
Nach Neuendorf und Jägerhof,
Wo sonntags meistenteils war Schwoof,
Im Garten setzte man sich nieder,
Verabredung trafen hier auch Skatbrüder;
„Achtzehn, Zwanzig, Nullover",
Die Kinder liefen hin und her.
Mit dem städtischen Omnibus,
Bei schönem Wetter auch zu Fuß,
Trat man seinen Heimweg an.
im Hochsommer pilgerten Frau und Mann
Mit Kind und Gepäck zur Neuen Welt,
Wo der Zug nach LEBA hält.
Eine dichte Menschenmenge
Versuchte mit Schupsen und Gedränge
in einem Abteil zu verschwinden.
Die jungen Leute jedoch finden,
Dass auf der Plattform, wo man steht,
Eine steife Brise weht.
Wie ein wilder Bienenschwarm
Mit Badesachen unter'm Arm.
Ergießt sich ohne Rast und Ruh
Ein Menschenstrom dem Strande zu.
in den Dünen lagern viele,
Schauen zu dem Wellenspiele,
Tummeln sich im Wasser lange.
Manchem wurde Angst und Bange,
Wenn ein Gewitter zog herauf;
Halb angezogen, im schnellen Lauf
In der Hand Kleider, Löffel, Gabel
Ging's zu MOELLER, VOX und SCHNABEL
Abends kam man müde dann
Mit Sonnenbrand zu Hause an.
An durstigen und trocknen Kehlen
Konnte es bei uns nicht fehlen,
Weil in jeder Straße fast
Lokale luden ein den Gast.
DEUTSCHES HAUS, STEHBIERHALLE SCHMIDT
(Machen Sie bitte die Bierreise mit)
GASTHAUS ZUR SONNE, SCHIRRMACHER, KLAUSE,
(Wir geh'n noch lange nicht nach Hause)
GERLACH, ZIEMER, CASPER, VOGTE1HÄUS
(Reicht der „Zaster" auch noch aus?) -
·q'.
CAF. ISECKE, RATSKELLER, KOCH,
(Kannst Du 'nen Stiebel vertragen noch?)
CAFE DES WESTENS, REGENBRECHT,
(Ist Dir auch schon geworden schlecht?)
POMMERNSTUBEN, HELLWIG, WEIGELT,
(Mit dem Geldbeutel wird schon „geaigelt")
MOHRING 1, STEIFF, MOHRING H,
(An keiner Kneipe geht's vorbei)
WESTPHAL, LUELLWITZ, KELLERMANN,
Weiter kehren wir noch an
Im BLAUEN LÄNDCHEN, HERMANN, CZECH,
(Jetzt bleibt mir bald die Spucke weg)
MAGDALINSKI, LUELLWITZ, NESS und JAHN,
Wir haben genug, legen uns in „Kahn"
Bei einer Ubernachtungsstätt',
KATSCHKE, VERWIEB oder FETT.
Weil die Witterung nicht kalt
Geht's zur Städt'schen Badeanstalt
Mit einem Erfrischungsbad im Becken
Wollen den „Kater" wir abschrecken;
Von morgens früh bis abends spät
Versah den Dienst hier Annchen BATH.
In Banken wurde aufbewahrt
Das Geld, welches man sich hat gespart;
Genannt seien hiervon ein'ge noch
DANZ1GER BANK, HAHN UND KOCH,
CASPERS BANKHAUS, STADTSPARKASSE,
Und die allergrößte Masse
Geld holte montags wohl hervor
Die KRE1SSPARKASSE aus dem Nachttresor.
POST, RATHAUS, LANDRATSAMT
Wurden manchmal überrannt,
Jedoch von den Behörden allen
Hat das FINANZAMT uns „sehr" gefallen.
Wo Menschen wohnen groß und klein,
Müssen Zahnärzte, Rechtsanwälte, Doktoren sein.
BARTZ, PUTZIG, HERBST, BAUERSACHS
Reparierten Gebisse mit 'nen Knacks,
EMITZ, VILLMOW, SCHIPPLACK, ZKPP
Nahmen Dir Geld und Sorgen ab,
LANGENBERG, GAEDTKE, HEINEMANN kurieren
Leber, Magen, Herz und Nieren;
NITSCH für Hals, Ohren, Nase war,
SCHEIDEMANN behandelte Dein Augenpaar;
Nach Medikamenten roch es stark
In ADLER- und KAISER-APOTHEKE am Markt.
Plötzlich hören wir Glockengeläut!
Wißt Ihr auch, was dieses bedeut'?
Salvator- und Jacobikirche läuten rein
Den Feierabend täglich ein
Und seinen Heimweg tritt auch an
Der Fahrer mit dem Eselsgespann,
Welches gehört zur PROVINZIAL-HEILANSTALT,
Gelegen an der Bütower Chaussee im Wald.
Eugen KALFF, C. G. HASSE,
ALLGEMEINE ORTSKRANKENKASSE,
ARBEITSAMT, Bierbrauereien,
SCHLACHTHOF noch genannt schnell seien.
Wir kehren zurück zur Wirklichkeit.
„Schön war damals doch die Zeit",
Wird man überall sagen, hören.
Wenn wir dereinst mal wiederkehren
In unser geliebtes Pommerland,
Die Zukunft aufbauen auf festem Sand,
Zurückdenken an heutige Pein und Qual,
Sagen wir wieder: „Es war einmal!"
Kiel-Hammer, den 1. August 1949
VORGETRAGEN VON SIEGFRlED WEBER (FRÜHER WOYCZESCHKE)
ANLÄßLICH DES TREFFENS DER
LAUENBURGER ST. JACOBI - GEME1NDE
AM 28.129. APRIL 1984 in UNNA-MASSEN